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Verein zur Förderung des Täter-Opfer-Ausgleichs e.V.

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Exemplarische Darstellung eines Täter-Opfer-Ausgleichs aus der Praxis

Der 19-jährige Peter M. wird beschuldigt, „in angetrunkenem Zustand dem Geschädigten Matthias S. mit seinem Butterfly-Messer am rechten Unterschenkel einen tiefen Stich zugefügt zu haben".

Die Zuweisung erfolgt durch den Staatsanwalt, der die Waage auffordert, mit dem Beschuldigten und dem Geschädigten eine Vereinbarung über eine angemessene Konfliktschlichtung und Schadenswiedergutmachung zu treffen. Für den Fall einer Wiedergutmachung wird ein Absehen von der Verfolgung gem. § 45 Abs. 2 JGG in Aussicht gestellt.

Eine Konfliktschlichterin der Waage nimmt Kontakt zum Beschuldigten auf und es wird ein Gesprächstermin vereinbart, zu dem der Beschuldigte erscheint. Er schildert den Tathergang wie folgt:

Peter M. bummelte gemeinsam mit seiner Freundin und einem Freund durch ein Kneipenviertel. Sie waren bereits in mehrere Lokale eingekehrt und hatten alle Alkohol konsumiert. Unterwegs trafen sie auf Matthias S., der vor einer Kneipe auf einer Mauer saß und die drei Jugendlichen, die ihm unbekannt waren, ansprach.

Peter M. fühlte sich durch die Bemerkung von Matthias S. provoziert und zog ein Butterfly-Messer. Der Freund von Peter M., der hinter ihm stand, versuchte, Peter M. das Messer zu entreißen. Während der daraus entstehenden Rangelei fiel Peter M. nach vorne und verletzte Matthias S. mit dem Messer am Bein. Nach einer weiteren verbalen Auseinandersetzung gingen Peter M. und seine Freunde weiter.

Kurze Zeit später wurden sie von der Polizei, die ein unbeteiligter Zuschauer verständigt hatte, angehalten und zur Vernehmung auf die Polizeidienststelle gebracht.

Im Nachhinein kann sich Peter M. sein aggressives Verhalten nicht erklären. Er hatte an dem Abend wegen einer Erkältung Medikamente genommen und gleichzeitig Alkohol getrunken. Dies sei jedoch keine Entschuldigung für sein Verhalten.

Auf die Situation von Matthias S. angesprochen, erzählt Peter M., dass auch er einmal mit einem Messer angegriffen worden sei. Er könne sich noch gut daran erinnern, wie viel Angst er in dieser Situation gehabt habe. Seit diesem Vorfall trage er „zur eigenen Sicherheit" immer ein Messer bei sich. Umso weniger kann er selbst sein Verhalten erklären.

Auf die Möglichkeit einer Konfliktschlichtung und Schadenswiedergutmachung angesprochen, erklärt Peter M., dass er sein Verhalten bedauert und sich bei dem Geschädigten entschuldigen möchte. Er ist auch zu einer finanziellen Schadens- und Schmerzensgeldzahlung bereit.

Der Geschädigte Matthias S. wird daraufhin ebenfalls zu einem Einzelgespräch eingeladen. Er schildert den Tathergang und die daraus resultierenden Folgen aus seiner Sicht.

Am Tatabend war er aus einer Kneipe gegangen, um frische Luft zu schnappen. Er setzte sich auf eine Mauer, als drei Jugendliche vorbeigingen. Herr S. rief ihnen zu, dass die beiden Männer gut auf die Frau aufpassen sollten. Herr S. betont, dass seine Aussage weder ironisch noch provozierend gemeint war. Der Beschuldigte kam jedoch auf ihn zu und schrie ihn an, ob er Ärger haben wolle. Dabei hielt er ein Messer in der Hand. Als sein Begleiter versuchte, ihn zurückzuhalten, entstand eine Rangelei, während deren Verlauf Herr S. mit dem Messer am Bein verletzt wurde. Nach einer weiteren verbalen Auseinandersetzung gingen die Jugendlichen weg. Kurze Zeit später traf die Polizei ein, die ein unbeteiligter Zuschauer gerufen hatte. Aufgrund der Personenbeschreibung wurde der Beschuldigte nach kurzer Zeit gefasst.

Nach seiner Aussage bei der Polizei fuhr Herr S. mit dem Taxi zu einem Krankenhaus, wo er behandelt wurde und eine Tetanusspritze bekam. Er wurde für einen Tag arbeitsunfähig geschrieben und erhielt einen Verband, den er eine Woche lang täglich bei seinem Hausarzt wechseln lassen musste.

Seit diesem Vorfall hat Herr S. Angst, abends seine Wohnung zu verlassen. Außerdem fragt er sich, inwieweit er Mitschuld an der Auseinandersetzung trägt, weil er die Jugendlichen angesprochen hatte.

Zu Möglichkeiten der Wiedergutmachung befragt, teilt Herr S. mit, dass er an einem persönlichen Gespräch mit dem Beschuldigten interessiert ist. Als finanzielle Wiedergutmachung fordert Herr S. einen Gesamtbetrag von EUR 250,00, der sich aus dem entstandenen Schaden (Taxikosten, Hose) sowie Schmerzensgeld zusammensetzt. Mit einer Ratenzahlung ist Herr S. einverstanden.

Mit den Beteiligten wird ein gemeinsamer Gesprächstermin bei der Waage vereinbart.

Zu Beginn schildern beide den Tathergang und dessen Folgen aus ihrer Sicht. Besonders für Herrn S. ist es wichtig, die psychischen Folgen der Tat ausführlich zu schildern. Anschließend fragt Herr S. den Beschuldigten, ob er ihn durch seine Bemerkung provoziert habe. Peter M. verneint dies und nennt die Mischung aus Medikamenten und Alkohol als den primären Auslöser für sein aggressives Verhalten. Dies will er jedoch nicht als Entschuldigung für sein Verhalten verstanden wissen. Ihm sei klar geworden, dass das Messer, das er zu seiner eigenen Sicherheit bei sich getragen hätte, gleichzeitig auch eine Gefährdung für andere darstellen könne. Heute würde er keine Waffe mehr mit sich führen.

Peter M. macht deutlich, dass er sein Verhalten im Nachhinein sehr bedauert und entschuldigt sich glaubhaft bei Matthias S.. Dieser nimmt die Entschuldigung an.

Als finanzielle Wiedergutmachung wird vereinbart, dass Peter M. an Matthias S. eine Summe in Höhe von EUR 250,00 in vier Raten über das Konto der Waage bezahlt. Diese Vereinbarung wird schriftlich festgehalten und von beiden Seiten unterzeichnet. Anschließend verabschieden sich Peter M. und Matthias S. freundlich voneinander.

Peter M. hält die Vereinbarung ein und die Raten werden von der Waage an den Geschädigten weitergeleitet.

Nach Abwicklung der Wiedergutmachung wird ein abschließender Bericht an die Staatsanwaltschaft geschickt. Kurz darauf erfolgt von der Staatsanwaltschaft die Mitteilung, dass das Strafverfahren gem. § 45 Abs. 2 JGG eingestellt worden ist.

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